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Alkoholabhängig - was das ist und wo es anfängt

„Wenn ich mich mit Kumpels oder Kollegen treffe, geben wir uns manchmal richtig die Kante. Deshalb sind wir aber noch lange keine Alkis“, meint Niko. Trotzdem hat der 21-Jährige schon des Öfteren einen Filmriss gehabt. Niko ist stolz darauf, dass er viel verträgt. „Alkohol gehört zum Partymachen dazu“, findet er.

Alina ist sauer, weil Niko kein Ende findet, wenn er einmal anfängt zu trinken. Die beiden streiten sich deshalb öfter. Alina hat Angst, dass Niko früher oder später zum Alkoholiker wird, wenn er so weitermacht. Aber was heißt das eigentlich: alkoholabhängig? Und wo fängt die Sucht an?

© Wolfgang Zwanzger / Fotolia

Was heißt Alkoholabhängigkeit?

„Chronischer Alkoholismus“ wurde 1849 zum ersten Mal vom schwedischen Arzt Magnus Huss als Krankheit beschrieben. Heute sprechen Fachleute von „Alkoholabhängigkeit“, „Alkoholkrankheit“ oder „Alkoholsucht“. Zu viel Alkohol kann auf Dauer abhängig machen – seelisch und körperlich. Menschen, die alkoholabhängig sind, können ihren Alkoholkonsum nicht mehr steuern. Alkohol zu trinken wird für sie zu einer Art „Zwang“, ihr Verlangen danach sehr groß. Ihr Leben dreht sich mehr und mehr um den Alkohol. Alles andere wird unwichtig.

Herauszufinden, ob jemand „nur“ regelmäßig zu viel Alkohol trinkt oder schon alkoholabhängig ist, ist nicht ganz einfach. Die Übergänge vom allabendlichen Feierabendbier über Alkohol in gesundheitsschädlichen Mengen bis zur Sucht sind fließend. Ob jemand abhängig ist, können nur Fachleute beurteilen.

© Jamrooferpix / Fotolia

Welche Warnsignale gibt es?

Eine Sucht entwickelt sich meist schleichend über Jahre. Oft nehmen die Betroffenen selbst nicht wahr oder wollen es nicht wahrhaben, wie wichtig Alkohol in ihrem Leben geworden ist. Sie trinken immer mehr. Nach außen wirken Alkoholkranke oft gar nicht betrunken. Weil ihr Körper an große Mengen Alkohol „gewöhnt“ ist, lallen oder torkeln sie zum Beispiel nicht, während andere bei den gleichen Mengen schon längst „auffällig werden“. Fachleute nennen diesen Gewöhnungseffekt „Alkoholtoleranz“.

Die Gewöhnung macht es Freunden und Verwandten schwer, das Alkoholproblem rechtzeitig zu erkennen. Viele übersehen die Hinweise oder nehmen sie nicht ernst. Dazu kommt, dass suchtkranke Menschen versuchen, ihr Problem vor anderen zu verstecken. Viele Abhängige planen ihren Tag so, dass sie heimlich Alkohol trinken können – etwa auf der Uni-Toilette oder auf dem Weg zur Arbeit.

Um eine Alkoholabhängigkeit vom Alkoholkonsum in schädlichen Mengen zu unterscheiden, haben sich die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf sechs Merkmale geeinigt. Mit ihrer Hilfe beurteilen Ärzte, ob jemand süchtig ist. 

Alkoholabhängige Menschen: 

  1. Haben ein starkes Verlangen nach Alkohol. Sie können dem Wunsch kaum widerstehen.
  2. Verlieren die Kontrolle. Wenn sie einmal anfangen, können sie nicht mehr aufhören zu trinken.
  3. Haben körperliche Entzugserscheinungen wie Schweißausbrüche oder zitternde Hände, wenn sie weniger oder gar keinen Alkohol trinken. Ein Entzug kann aber auch innere Unruhe oder Angst auslösen.
  4. Müssen immer mehr trinken, um die gleiche Wirkung zu spüren.
  5. Denken nur noch ans Trinken. Alkohol wird immer wichtiger und verdrängt Beruf, Familie, Freunde oder Hobbys.
  6. Trinken trotz negativer Folgen weiter – selbst wenn sie krank werden oder ihr Partner sie verlässt.

Jemand, den du kennst, zeigt drei oder mehr der oben genannten Anzeichen? Das ist ein Alarmsignal.

Wer wird abhängig?

Alkohol kann süchtig machen – das hat nichts mit Alter oder Herkunft zu tun. Jugendliche gewöhnen sich schneller an Alkohol als Erwachsene. Je früher du anfängst, regelmäßig Alkohol zu trinken, desto größer ist das Risiko, dass du als Erwachsener abhängig wirst. Auch deswegen sollten Jugendliche möglichst wenig Alkohol konsumieren.

Rund 70% der Deutschen trinken regelmäßig, also mindestens einmal im Monat, Alkohol. Rund 9,5 Millionen Deutsche im Alter von 18 bis 64 Jahren trinken laut aktuellen Statistiken so viel Alkohol, dass sie ihre Gesundheit damit gefährden. Etwa 1,77 Millionen von ihnen gelten als alkoholabhängig. Bei 1,61 Millionen liegt Alkoholmissbrauch vor.

© Alexander Heinen / Fotolia

Doch nicht jeder, der über längere Zeit Alkohol in großen Mengen trinkt, wird am Ende schwer krank oder süchtig. Die Ursachen von Alkoholabhängigkeit sind vielschichtig und je nach Person unterschiedlich. Wissenschaftler gehen davon aus, dass mehrere Faktoren Abhängigkeit fördern

  • Gesellschaft: 
    Unser Umfeld ist unser Vorbild in Sachen Alkohol. Geburtstage, Hochzeiten oder Silvester ohne Sekt? In Deutschland eher die Ausnahme. In anderen Kulturen spielt Alkohol eine weit geringere Rolle. Manche Wissenschaftler machen unter anderem Alkoholwerbung und günstige Preise dafür verantwortlich, dass es in Deutschland mehr Alkoholkranke gibt als in anderen europäischen Ländern.
  • Seelische Probleme: 
    Wenn wir als Kinder oder Jugendliche große Probleme haben, steigt das Risiko, dass wir als Erwachsene abhängig werden. Solche Probleme können zum Beispiel die Scheidung der Eltern sein, Mobbing in der Schule, körperliche Gewalt oder sexueller Missbrauch.
  • Stressempfindlichkeit: 
    Menschen, die von Natur aus schnell unruhig, impulsiv, gestresst oder aggressiv reagieren, haben laut Studien ein höheres Risiko alkoholsüchtig zu werden.
  • Biologie: 
    In manchen Familien tritt Alkoholabhängigkeit gehäuft auf. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass unsere Gene ebenfalls eine Rolle spielen. Kinder von alkoholkranken Eltern werden laut Statistik drei- bis viermal so oft wie andere Kinder selbst abhängig. Auch wenn Schwangere Alkohol trinken, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder später alkoholsüchtig werden. Und nicht nur das. Kinder nehmen schon im Mutterleib großen Schaden, wenn die Mutter Alkohol trinkt. Auch, wenn sich viele Menschen selbst unter schwierigen Startbedingungen gesund entwickeln und nicht süchtig werden, gilt für alle werdenden Mütter: Kein Alkohol während der Schwangerschaft.

WichtigKeiner dieser Risikofaktoren wirkt alleine. Die Entwicklung einer Abhängigkeit ist eher mit einem Puzzle zu vergleichen: Es müssen mehrere „Puzzleteile“ zusammen kommen, damit sich das Bild einer Sucht ergibt. Und: Wir können beeinflussen, welche Puzzleteile wir dem Bild hinzufügen und welche nicht. Gegen Stress lässt sich zum Beispiel etwas unternehmen und bei Problemen aller Art kann man sich Hilfe suchen. Selbst wenn man bereits Anzeichen einer Abhängigkeit bei sich bemerkt oder vermutet: Es gibt Fachleute, die sich damit auskennen und helfen können.     

Ein gutes Selbstwertgefühl und eine stabile Persönlichkeit schützen nach Ansicht der Experten vor Abhängigkeit. Jugendliche, die sich geliebt, anerkannt, geborgen und ernst genommen fühlen, lernen leichter, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen.

Selten, wenig oder null Alkohol. Warum fällt das einigen so schwer?

Alkohol kann körperlich und seelisch abhängig machen. Eine Überdosis kann sogar tödlich sein. Wer alkoholkrank ist, hat meist große Schwierigkeiten, mit dem Trinken aufzuhören. Schuld daran ist das sogenannte Suchtgedächtnis. Alkohol aktiviert das Belohnungssystem unseres Gehirns. Dadurch schütten unsere Nervenzellen sehr viel mehr Dopamin aus als sonst. Dopamin ist ein Botenstoff, der unser Wohlbefinden beeinflusst. Der Effekt der Dopamin-Flut: Wir sind gut drauf und fühlen uns entspannt. 

© Zerbor / Fotolia

Unser Hirn speichert diese Erfahrungen und erkennt fortan eine Bierflasche oder ein Weinglas als positiven Reiz. Schon der Anblick von Alkohol auf Fotos kann das Suchtgedächtnis auch nach vielen Jahren ohne Alkohol reaktivieren. Die Lust auf Alkohol steigt. Und mit ihr das Rückfall-Risiko. In der Therapie lernen Alkoholkranke, mit diesen Reizen umzugehen. Ob unser Suchtgedächtnis ganz gelöscht werden kann, können Forscher heute noch nicht sicher sagen.**

Wie werden Alkoholkranke behandelt?***

„Der erste Schritt ist der wichtigste“, sagen Menschen, die selbst alkoholsüchtig waren. Alkoholkranke davon zu überzeugen, nicht mehr zu trinken, ist schwer. Holt euch Rat und Tipps dazu, wie man anderen helfen kann. 

Je früher jemand sein Problem erkennt, desto besser sind die Chancen, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Wichtig zu wissen: In Deutschland übernehmen die Sozialversicherungsträger, also Krankenkasse oder Rentenversicherung, die Therapiekosten. Die Behandlung verläuft in der Regel in vier Schritten

  • Beratung:
    Am Anfang stehen Gespräche mit den Expertinnen und Experten einer Beratungsstelle. Dabei geht es darum, herauszufinden, ob ein Alkoholproblem vorliegt und wie groß es ist. Anschließend planen die Beteiligten gemeinsam die nächsten Schritte.
  • Entzug:
    Schritt zwei ist der Entzug. Der Körper der Kranken wird ambulant im Therapiezentrum oder stationär im Krankenhaus entgiftet. Die Abhängigen trinken keinen Alkohol mehr. Ihr Körper reagiert darauf oft mit heftigen Entzugserscheinungen – von Schwitzen und Zittern über Krämpfe bis zu Halluzinationen. Da diese Symptome zum Teil lebensbedrohlich sein können, überwachen Mediziner den Entzug.
  • Entwöhnung:
    Auf den körperlichen Entzug folgt die seelische Entwöhnung in einem Behandlungszentrum oder Krankenhaus. In verschiedenen Therapien und Selbsthilfegruppen lernen die Betroffenen, wieder ohne Alkohol zu leben. Dabei geht es vor allem darum, die Gründe für den eigenen Alkoholkonsum zu verstehen und alternative Verhaltensweisen einzuüben.
  • Nachsorge:
    Gegen Ende der Behandlung klären die Patienten mit ihren Therapeuten, wie es zu Hause und im Job weitergehen soll. Oft müssen Betroffene ihr soziales Netz neu aufbauen, das sie durch ihre Sucht vernachlässigt haben. Rückfälle kommen häufig vor und sind Teil des Lernprozesses. Darum legen Ärztinnen und Ärzte und Patienten zusammen Maßnahmen für den Notfall fest.

In Deutschland gibt es mehr als 1.300 Einrichtungen, die auf die Beratung und Behandlung von suchtkranken Menschen spezialisiert sind. Wenn du Hilfe brauchst, weil du selbst ein Problem hast oder dir um andere große Sorgen machst, berät dich das BZgA-Infotelefon – auch anonym:

Telefon: 0221 892031
Mo.–Do. 10.00 bis 22.00 Uhr
Fr.–So. 10.00 bis 18.00 Uhr

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