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Interview mit Prof. Stöver


Herr Prof. Stöver, trinken Männer anders als Frauen?
Es gibt tatsächlich deutliche Unterschiede beim Alkoholkonsum von Männern und Frauen. Das hat etwas mit gesellschaftlichen Rollen und Regeln zu tun, die mit darüber bestimmen, ob, wann und in welcher Form Frauen und Männer welche Alkoholprodukte trinken. Im Laufe unserer Kulturgeschichte haben sich diese Regeln auch immer wieder verändert. Während zum Beispiel Spirituosen früher fast ausschließlich von Männern getrunken wurden, ist Hochprozentiges mittlerweile auch bei Frauen akzeptierter, vor allem in Mixgetränken. Dennoch trinken Männer auch heute noch häufiger und in größeren Mengen Spirituosen als Frauen. 

Eine nähere Betrachtung der Verbreitung des Alkoholkonsums unter den Geschlechtern zeigt, dass Männer im Allgemeinen mehr, häufiger und auf riskantere Weise Alkohol trinken. Der Alkoholkonsum von Männern ist auch öffentlich sichtbarer und unangepasster. Bei Männern entlädt sich exzessives Trinken zudem häufiger in Gewalt als bei Frauen. Häufig auch gegen Frauen bei der häuslichen Gewalt.

Hinzu kommen unterschiedliche körperliche Voraussetzungen bei der Aufnahme und dem Abbau von Alkohol. Der weibliche Körper verträgt weniger Alkohol als der männliche. Entscheidend dafür ist die Blutalkoholkonzentration (BAK), die mit dem unterschiedlichen Körperflüssigkeitsanteil und dem Körpergewicht zusammenhängt: Männer wiegen durchschnittlich mehr als Frauen. Außerdem haben sie einen höheren Muskelanteil. Muskeln speichern viel Körperwasser – so wird dieselbe Menge Alkohol im Körper eines Mannes stärker verdünnt, was sich in einer niedrigeren Blutalkoholkonzentration widerspiegelt. Dazu kommt noch, dass Alkohol im männlichen Körper etwas schneller abgebaut wird.

 

Wie wirken sich diese unterschiedlichen Trinkgewohnheiten aus? Entwickeln Männer beispielsweise häufiger eine Alkoholabhängigkeit als Frauen, weil sie mehr und häufiger trinken?
Die jüngste BZgA – Studie „Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2011 - Der Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends“ zeigt ganz deutlich einen Unterschied im Trinkverhalten der Geschlechter: Danach haben mehr männliche als weibliche Befragte im Alter von 12-25 Jahren in den letzten 30 Tagen Alkohol konsumiert. Beim regelmäßigen Alkoholkonsums und Rauschtrinken liegen die Raten zwischen 1,8- bis 2,4-mal so hoch wie bei den weiblichen Befragten. Die Verbreitung des häufigen Rauschtrinkens ist bei 18-bis 25-jährigen jungen Männern sogar viermal so hoch wie bei jungen Frauen.


Diese Tendenz setzt sich in der mittleren Lebensphase fort. Männer sind etwa drei Mal stärker von Alkoholismus betroffen als Frauen. Auch im Alter lässt sich dieser Trend verfolgen: 400.000 Menschen über 60 Jahre gelten als alkoholabhängig, die große Mehrheit davon sind Männer.


Wie lassen sich diese Unterschiede erklären?
Der männliche Alkoholrausch hat viel mit dem Erleben von Macht zu tun. Es kommt bei ihnen häufiger zu Regelverletzungen und riskanten Verhaltensweisen – das lässt sich beispielsweise auch in der Verkehrsstatistik oder an den Zahlen zu Sachbeschädigungen unter Alkoholeinfluss ablesen. Insofern zieht der Alkoholkonsum von Männern eine ganze Reihe von negativen gesellschaftlichen Folgen nach sich. 

Aber auch wenn keine Gesetze gebrochen werden, dient der Alkohol bei Männern häufiger dazu, Macht zu demonstrieren – umgekehrt zeigen Studien dass die Erfahrung von Ohnmacht häufig mit Alkoholkonsum kompensiert wird. Aber es geht auch um bewussten und kalkulierten Kontrollverlust, an Grenzen zu gehen und sich mit anderen zu messen, zum Beispiel bei Trinkspielen. 

Außerdem soll die enthemmende Wirkung des Alkohols den Ausbruch aus den Zwängen des Alltags erleichtern. Was im Alltag von vielen Männern zu kurz kommt, zum Beispiel über Gefühle zu sprechen oder „gemeinsam über die Stränge zu schlagen“, wird oft im kollektiven Alkoholrausch ausgelebt. 

Männer trinken, wenn sie unter sich sind, auch deutlich mehr als in gemischtgeschlechtlichen Gruppen. Überhaupt spielt das gemeinsame Trinken und das gemeinschaftliche Erleben eines Alkoholrausches bei Männern eine wichtigere Rolle zur Konstruktion des eigenen Mann-Seins. 

Bei Männern wird ein durch einen Rausch ausgelöster Kontrollverlust auch eher akzeptiert als bei Frauen. Von Frauen wird immer noch stärker erwartet, dass sie sich kontrollieren. Das ist mit eine Erklärung dafür, dass der Alkoholkonsum von Frauen niedriger ist als der von Männern.


Spielt das Alter bei diesen typisch männlichen oder weiblichen Trinkverhalten eine Rolle? Anders gefragt: Gleichen sich die jungen Männer und Frauen im Vergleich zu früheren Generationen beim Thema Alkohol einander an?
Es lassen sich zwar in einigen Altersgruppen Annäherungen beider Geschlechter beim Alkoholkonsum aufzeigen. Eine nähere Betrachtung der Konsummuster zeigt jedoch eindeutig riskantere Konsumgewohnheiten bei den Männern, insbesondere bei jüngeren Männern. Männer nutzen Alkohol teilweise, wie beschrieben, um sich als männlich darzustellen und auch um sich selber als männlich zu erleben: „Je mehr ein Mann verträgt, desto besser ist sein Ruf als starker Mann“.

Für die Frau trifft das nicht zu: Viel trinken zu können ist kein Beleg für ihre Weiblichkeit – eher im Gegenteil. Das sehen übrigens beide Geschlechter so. 


Was raten Sie jungen Männern zum Thema Alkohol?
Männer sollten maßvoll und überlegt Alkohol trinken. Sie sollten auch mit anderen Männern darüber sprechen, wie man sich vor den schädlichen Folgen eines Alkoholrausches schützen kann. Es geht darum eigene (Un-)Verträglichkeiten bei sich zu entdecken, und auch Nein-Sagen zu lernen, wenn es ums (gemeinsame) ‚Abschießen’ geht. Sich mit Alkohol gehen lassen ist „unprofessionell“, mit Alkohol umgehen können ist cool. 

Alkohol hat eine bedeutende Stellung in unserer Gesellschaft– trotzdem sollte man diese Stellung hinterfragen. Im Straßenverkehr, bei der Arbeit und in der Schule gilt immer die Null-Promille-Regel. Es ist wichtig, hier die eigene Verantwortung für sich und Andere zu erkennen. 


Und was empfehlen Sie jungen Frauen für ihren Umgang mit Alkohol?
Junge Frauen sollten sich nicht am Trinkverhalten von Männern orientieren, nicht versuchen mit ihnen „mitzuhalten“. Sie sollten stattdessen ihren eigenen Weg gehen. Und wenn sie Alkohol trinken, sollten sie natürlich vorsichtig sein und beispielswiese nichts trinken, wenn sie vorher wenig gegessen haben. Denn dann wird der Alkohol beonders schnell vom Körper aufgenommen, so dass man in der Folge auch schnell die Kontrolle verliert. 


Herzlichen Dank für das Gespräch.