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Interview mit Verkehrspsychologin Michaela Bogun zu den Folgen von Alkohol im Straßenverkehr

Diplom-Psychologin Michaela Bogun arbeitet für die Unternehmensgruppe TÜV Nord. Nach längjähriger Gutachtertätigkeit bereitet sie nun Betroffene auf eine anstehende Medizinisch Psychologische Untersuchung (MPU) vor.

Michaela Bogun, Sie sind Verkehrspsychologin. Was sind denn da genau Ihre Aufgaben?

Als Verkehrspsychologin berate ich Menschen, die im Straßenverkehr aufgefallen sind. Fällt jemand beispielsweise mit Alkohol am Steuer auf, wird in einigen Fällen eine sogenannte „Medizinisch-Psychologische Untersuchung“ (MPU) angeordnet – die man früher auch abfällig „Idiotentest“ nannte. Dort muss der Betreffende dann erläutern, wie es zu der Auffälligkeit kam und wie er in Zukunft mit dem Thema „Alkohol und Straßenverkehr“ umgehen will. Es geht darum zu prüfen, ob er auch künftig eine erhöhte Gefahr für die Verkehrssicherheit ist oder nicht. Überwiegend berate ich Menschen, die ihre MPU noch vor sich haben. In Einzelgesprächen oder auch in der Gruppe wird analysiert, wie es zu der Alkoholfahrt gekommen ist. Die Betreffenden hinterfragen, wie viel Alkohol sie getrunken haben und warum sie sich dann noch hinter das Steuer gesetzt haben. Dabei geht es darum, das eigene Verhalten zu verstehen. Denn nur wenn man sein Verhalten versteht, kann man es ändern und damit die Frage beantworten, wie man sicherstellen kann, künftig den Konsum von Alkohol und die aktive Teilnahme am Straßenverkehr konsequent voneinander zu trennen. Man setzt sich also intensiv mit dem eigenen Trinkverhalten auseinander – die beste Vorbereitung auf eine MPU.

18- bis 24-Jährige sind überdurchschnittlich häufig an Alkoholunfällen beteiligt. Welche Erklärung gibt es dafür?

Dafür gibt es mehrere Gründe. So sind jüngere Menschen etwa tendenziell risikobereiter und haben nicht so viel Fahrpraxis. Sie machen deshalb auch schon bei niedrigeren Promillewerten Fahrfehler beziehungsweise fallen der Polizei auf, weil sie nicht angemessen auf Verkehrssituationen reagieren. Alkohol bewirkt, dass man leichtsinniger wird und sich eher auf Risiken einlässt. Die ohnehin höhere Risikobereitschaft von jungen Erwachsenen steigt dadurch also noch. 

Manchmal wollen junge Leute auch anderen „imponieren“ und setzen sich deshalb alkoholisiert hinters Steuer. Eine typische Gefahrensituation ist zum Beispiel die Fahrt von der Disko nach Hause, besonders auf dem Land. Das Auto ist hier meist das wichtigste Beförderungsmittel und manche glauben, die vertraute Strecke auch unter Alkoholeinfluss sicher fahren zu können. Ein gefährlicher Irrtum. 

Übrigens sind es in erster Linie Männer, die an Alkoholunfällen beteiligt sind. Das zeigt sich in allen Altersgruppen. Unter den 18- bis 24-Jährigen, die im Jahr 2012 an Alkoholunfällen beteiligt waren, sind ungefähr acht Mal so viele Männer wie Frauen. 

Welche Auswirkungen hat Alkohol auf die Fahrfähigkeiten? 

Im Straßenverkehr gilt es ständig neue Reize zu verarbeiten, und man muss blitzschnell reagieren. Aber genau das wird durch Alkohol im Blut erschwert. Ein paar Beispiele:

Im nüchternen Zustand geht unser Blick blitzschnell hin und her und erfasst alle wichtigen Informationen. Unter Alkoholeinfluss haftet der Blick dagegen länger an einem Gegenstand und springt spät, oftmals zu spät, auf den nächsten Gegenstand über. Außerdem wird das Blickfeld eingeschränkt, es kommt zum sogenannten Tunnelblick. Das bedeutet, dass wir einen kleineren Ausschnitt der Wirklichkeit sehen als ohne Alkohol. Das Gehirn bekommt also insgesamt weniger Informationen über die Verkehrssituation.

Auch die sogenannte „Hell-Dunkelanpassung“ wird gestört. So können sich die Pupillen in der Dunkelheit nicht schnell genug auf einen entgegenkommenden Scheinwerfer einstellen. Man wird geblendet, kann einige Momente nichts mehr sehen und fährt in ein „schwarzes Loch“.

Und schließlich: Unter Alkoholeinfluss arbeitet unser ganzer Bewegungsapparat nicht mehr so präzise wie in nüchternem Zustand. Das wirkt sich insbesondere auf die Bedienung der Pedale, von Schaltern und Hebeln sowie auf das Lenkverhalten aus. So können überschießende Bewegungsabläufe dazu führen, dass Gas- oder Bremspedale stärker durchgetreten werden als die Situation es erfordert oder das Lenkrad verrissen wird.

Welche Promilleregeln gibt es im Straßenverkehr? 

Für Fahranfänger innerhalb der zweijährigen Probezeit und für Fahrerinnen und Fahrer unter 21 Jahren gilt die 0,0-Promilleregel. Setzt sich aus diesen beiden Gruppen jemand alkoholisiert  hinter das Steuer und wird erwischt, muss er auf jeden Fall in eine Nachschulung für alkoholauffällige Fahranfänger. Außerdem wird die Probezeit verlängert, und ein Bußgeld wird fällig.

Auch wenn viele junge Leute zwischen 18 und 24 Jahren an Alkoholunfällen beteiligt sind, halten sich doch die meisten von ihnen an die 0,0- Promillegrenze. Glücklicherweise ist die Zahl der Alkoholunfälle von jungen Erwachsenen in den letzten Jahren daher auch zurückgegangen.

Weitere Promillegrenzwerte sind: 0,3 Promille, 0,5 Promille, 1,1 Promille und 1,6 Promille: Wer im Straßenverkehr unsicher fährt oder durch „alkoholtypische Ausfallerscheinungen“ auffällt, kann bei einem Unfall bereits ab einer Blutalkoholkonzentration von 0,3 Promille für schuldig erklärt werden. Wenn bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle 0,5 Promille und mehr festgestellt werden, spricht man von einer Ordnungswidrigkeit. Eine Trunkenheitsfahrt ab 1,1 Promille wird automatisch als Straftat gewertet. Ab 1,6 Promille fordert das Straßenverkehrsamt zwingend eine MPU. Eine MPU kann aber auch schon bei niedrigeren Promillewerten angeordnet werden, zum Beispiel wenn jemand wiederholt aufgefallen ist.

Was raten Sie (nicht nur) jungen Leuten zum Thema Alkohol und Straßenverkehr?

Ich empfehle 0,0 Promille im Straßenverkehr. Wer selber fahren will, sollte keinen Alkohol trinken. Wer dagegen etwas trinken möchte, sollte sich vorher Alternativen für den Hin- und Rückweg überlegen, etwa ob man mit die öffentlichen Verkehrsmittel wie Bus oder Bahn nutzt oder mit dem Taxi fährt. Vielleicht fragt man auch jemanden im Vorfeld, der mit dem Auto fahren möchte und deshalb durchgehend nüchtern bleiben will, ob man mitgenommen werden kann. Auch gilt es zu bedenken, dass selbst die alkoholisierte Teilnahme am Straßenverkehr mit dem Fahrrad eine Gefährdung ist und polizeilich verfolgt werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch!