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Interview mit Professor Manfred Laucht: "Rauschtrinken verändert das jugendliche Gehirn"

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Professoer Manfred Laucht
Professor Manfred Laucht erforscht am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit unter anderem die Hintergründe für hohen Alkoholkonsum.

Rauschtrinken kann im Gehirn zu schwerwiegenden Schädigungen führen. Im Interview erläutert der Hirnforscher Professor Manfred Laucht, wie es dazu kommt.

Professor Manfred Laucht arbeitet am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er leitet die Arbeitsgruppe Neuropsychologie des Kindes- und Jugendalters und erforscht u.a. die psychologischen und biologischen Hintergründe des riskanten Konsums von Suchtmitteln.

BZgA: Herr Professor Laucht, warum ist Rauschtrinken gerade im Jugendalter so gesundheitsschädlich?

Professor Laucht: Das hängt damit zusammen, dass sich das Gehirn in dieser Entwicklungsphase stark verändert und sehr empfindlich auf äußere Einflüsse reagiert. Heute geht man davon aus, dass das Gehirn noch bis zum Alter von ca. 20 Jahren ausreift. Der Grundaufbau ist nach ca. 2 Jahren abgeschlossen, aber in der Pubertät wird das Gehirn nochmals grundlegend umgebaut. Die Hirnstrukturen verändern sich stark: Einerseits kommt es zu einer Überproduktion von Nervenzellen, andererseits werden Nervenverbindungen, die nicht gebraucht werden, abgebaut. Nervenbahnen in der vorderen Großhirnrinde verändern sich, so dass sie Reize schneller und effektiver weiterleiten können. Die vordere Großhirnrinde ist dabei für die Entwicklung des sozialen Verhaltens und des planvollen Handelns von großer Bedeutung.
Kurz gefasst: Alkohol – und hier insbesondere das Rauschtrinken – kann sich in dieser sensiblen Umbauphase des Gehirns im Jugendalter besonders schädigend auswirken. Bislang wissen wir nicht, ob solche Schädigungen rückgängig zu machen sind.
 
BZgA: Was genau passiert im Gehirn, wenn sich Jugendliche häufiger einen Rausch antrinken?

Professor Laucht: Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass durch Rauschtrinken zentrale Hirnleistungen eingeschränkt werden können. Das bedeutet, dass kognitive Leistungen wie Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und abstraktes Denken beeinträchtigt werden. Auch die Impulskontrolle kann betroffen sein. Die Störungen waren auch nach zehn Jahren noch nachweisbar Die Einschränkungen können also dauerhaft sein und erhalten bleiben. Im Übrigen wurde festgestellt, dass die Auswirkungen auf Hirnleistungen dann besonders groß sind, wenn man häufig Rauschtrinken betreibt, also regelmäßig so viel trinkt, dass man einen Kater erlebt.

BZgA: Rauschtrinken beeinträchtigt die Hirnfunktionen. Schädigt es auch die Hirnstrukturen?

Professor Laucht: Ja, Studien haben gezeigt, dass das Volumen der vorderen Großhirnrinde und des Hippocampus, einer weiteren Struktur des Großhirns, bei Rauschtrinkern reduziert ist. Diese Veränderungen der Hirnstruktur haben Einschränkungen der Hirnleistungen zur Folge. Der Hippocampus ist für das Arbeitsgedächtnis und für den Übergang vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis wichtig. Die vordere Großhirnrinde ist unter anderem zuständig für die Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit. Diese Leistungen können beeinträchtigt werden. Studien haben sogar gezeigt, dass wiederholtes Rauschtrinken – einmal innerhalb von drei Monaten reichte da schon aus – die Nervenbahnen und damit die Reizweiterleitung in der vorderen Großhirnrinde schädigen kann. Ob sich diese Schäden der Hirnstrukturen wieder zurückbilden, muss in Langzeitstudien erst noch untersucht werden.

BZgA: Wie können sich die Folgen des Rauschtrinkens denn ganz konkret im Leben von Jugendlichen auswirken?

Professor Laucht: Je häufiger, regelmäßiger und exzessiver der Konsum, desto stärker sind natürlich die Auswirkungen. Jugendliche, die sich häufig in einen Rausch trinken, können zum Beispiel schlechtere Leistungen in Schule oder Ausbildung erbringen. Das hat Konsequenzen für die Lebensqualität und beeinträchtigt auch die Zukunftschancen. Wer es aufgrund von häufigen Alkokolräuschen nicht schafft, einen guten Schulabschluss zu machen, verbaut sich dadurch vielleicht den Weg in die Berufswelt. In unseren Langzeitstudien konnten wir darüber hinaus feststellen, dass vermehrter Alkoholkonsum auch das Risiko für sozial unangepasstes, d.h. z.B. aggressives oder gewalttätiges Verhalten, und für psychische Störungen wie u.a. Depressionen erhöht. Das sind die langfristigen Folgen. Kurzfristige Folgen sind z.B., dass Jugendliche unter Alkoholeinfluss häufiger in gewaltsame Auseinandersetzungen verwickelt werden. Auch Verkehrsunfälle kommen häufig unter Alkoholeinfluss vor. Die Altersgruppe der 18 bis 24-Jährigen ist überdurchschnittlich häufig an schweren Verkehrsunfällen beteiligt.

BZgA: Reagieren Mädchen und Jungen unterschiedlich auf Alkohol bzw. Rauschtrinken?

Professor Laucht: Alkohol wird beim weiblichen Geschlecht von der Leber nicht so effektiv verarbeitet. Das hängt damit zusammen, dass Frauen aufgrund der hormonellen Unterschiede einen anderen Stoffwechsel haben und dadurch den Alkohol in der Leber langsamer abbauen. Mögliche Schäden der Leber können dadurch früher auftreten. Zudem erreichen Frauen bei derselben Menge Alkohol einen deutlich höheren Promille-Wert als Männer. Der Grund: sie haben im Verhältnis zum Körpergewicht weniger Körperflüssigkeit als Männer. So ist schnell eine höhere Alkoholkonzentration im Blut erreicht. Deshalb sind auch die Grenzwerte für Frauen niedriger als für Männer. Aber Studien zeigen auch, dass die Folgen im Zentralnervensystem bei Frauen stärker sind, sich Alkohol also schädlicher auf die Hirnleistungen auswirkt.

BZgA: Erhöht sich durch Rauschtrinken im Jugendalter das Risiko, später alkoholabhängig zu werden?

Professor Laucht: Unsere Forschungen haben gezeigt: je früher Jugendliche mit dem Konsum von Alkohol beginnen, desto höher ist ihr Risiko, später häufig und stark Alkohol zu konsumieren und abhängig zu werden. Es gibt Hinweise darauf, dass die Pubertät das besonders kritische Alter ist, bei Mädchen zwischen ca. 11 und 13 Jahren und bei Jungen bis 15 Jahre.

BZgA: Hängt die Entwicklung eines Suchtverhaltens auch mit den Umbauprozessen des Gehirns im Jugendalter zusammen?

Professor Laucht: Das ist selbstverständlich nicht der alleinige Grund für die Entwicklung eines Suchtverhaltens. Aber die Umbauprozesse im Gehirn können dazu beitragen. Vor allem die Veränderungen, die in der Pubertät im Belohnungssystem des Gehirns stattfinden. Das Belohnungssystem wird von dem Botenstoff Dopamin, einem der sogenannten „Glückshormone“, gesteuert. In der Pubertät wird dieser Botenstoff verstärkt ausgeschüttet und erhöht den Wunsch nach einer schnellen Belohnung. Deshalb haben Jugendliche ein größeres Bedürfnis als Erwachsene nach starken Erlebnissen, dem sogenannten „Kick“, und sind risikobereiter (Sensation Seeker). Das macht eine Substanz wie Alkohol attraktiv, denn sie führt dazu, dass durch ihren Konsum mehr Dopamin ausgeschüttet wird und die schnelle Belohnung eintritt.

Das Gehirn stellt sich auf diesen „Kick“ ein und das wiederum begünstigt die Entwicklung einer späteren Alkoholabhängigkeit. Wieviel Dopamin im Gehirn ausgeschüttet wird, ist genetisch festgelegt und deshalb bei jedem Menschen anders. Deshalb erleben einige Menschen erst bei hohem bis exzessivem Alkoholkonsum den „Dopamin-Kick“. Da sie diesen aber gerne wieder erleben möchten und sich das Gehirn darauf einstellt, wird die Suchtgefahr umso höher.

Das Interview mit Professor Manfred Laucht ist auch in der Rubrik "Über dem Limit" zu finden.