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Kluge Köpfe bleiben im Limit


Wer häufiger oder sogar regelmäßig über sein Limit trinkt, setzt sich nicht nur jedes Mal einem akuten Risiko (siehe zum Beispiel Alkohol und Aggression, Alkohol und Sexualität, Wie gefährlich ist Rauschtrinken?) aus – zu viel Alkohol kann auch bleibende Schäden im Gehirn verursachen.

Die meisten werden bei diesem Thema sicherlich in erster Linie an Langzeitschäden denken und eventuell einen älteren, geistig verwirrten Menschen vor Augen haben, bei dem der Alkoholkonsum deutliche Spuren hinterlassen hat. Und tatsächlich gibt es jede Menge Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen hohem Alkoholkonsum und Hirnschäden in späteren Lebensjahren belegen. Ein Beispiel ist das so genannte Korsakow-Syndrom, bei dem die Patienten unter anderem so starke Erinnerungsschwierigkeiten haben, dass sie ihren Alltag meist nicht mehr eigenständig bewältigen können. Lang andauernder Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit gehören zu den Hauptrisikofaktoren für eine spätere Erkrankung am Korsakow-Syndrom. 

Zellgift Alkohol – besonders schädlich für das junge Gehirn

Solche massiven – und in diesem Stadium auch nicht mehr heilbaren – Hirnschäden entwickeln sich über längere Zeiträume. Doch welche Wirkung auf das Gehirn hat der Konsum von Alkohol in jungen Jahren? Die Antwort von Fachleuten auf diese Frage: Hoher Alkoholkonsum gefährdet das jugendliche Gehirn sogar ganz besonders stark. Der Grund dafür: Bis über das 20. Lebensjahr hinaus finden im menschlichen Gehirn wichtige Umbauprozesse statt, die Nervenzellen werden sozusagen „neu" verschaltet. Und genau diese Prozesse können durch das Zellgift Alkohol gestört werden. 

Vorsicht: Umbauarbeiten im Gehirn

Das Gehirn des Menschen verändert sich zwar die gesamte Zeit des Lebens – immer abhängig von den Erfahrungen, die der oder die einzelne macht. Wenn jemand beispielsweise etwas Neues lernt, entstehen in seinem Gehirn auch neue Verknüpfungen. Das Gehirn ist demnach also nie „ganz fertig“. In der Jugendzeit werden jedoch grundlegende Verschaltungen für das spätere Leben geschaffen und ganz neue Netzwerke angelegt. Fachleute sprechen auch von der „Reifung“ des Gehirns, die im Alter zwischen zwölf und 20 Jahren stattfindet. Manche Wissenschaftler setzen sogar 25 Jahre als das Alter an, bis zu dem das Gehirn heranreift. 

Studie: schlechtere Hirnleistungen von trinkenden Jugendlichen

In einer australischen Studie wurden vor kurzem alle wissenschaftlichen Arbeiten zu den kurz- bis mittelfristigen Folgen von hohem Alkoholkonsum  im Jugendalter gesammelt und ausgewertet. Das Ergebnis: Vor allem Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen werden durch zu viel Alkohol (schon) in jungen Jahren eingeschränkt.

Zu viel Alkohol ist schlecht für das Arbeitsgedächtnis – und für Flirts

Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die wiederholt zu viel trinken, funktionierte in Tests zum Beispiel das Arbeitsgedächtnis schlechter als bei Gleichaltrigen, die wenig oder gar keinen Alkohol konsumieren. Das Arbeitsgedächtnis erfüllt eine wichtige Funktion: Es speichert vorübergehend Informationen, eine wichtige Voraussetzung für unser Denken und Verstehen in ganz vielen Alltagssituationen. Wenn uns beispielsweise eine Frage gestellt wird und wir nach einer Antwort suchen, wird im Arbeitsgedächtnis der Frageninhalt sozusagen „geparkt“ – so dass wir noch wissen, um was es geht, während wir über eine Antwort nachdenken. Wir benötigen das Arbeitsgedächtnis auch, wenn wir uns kurz eine Telefonnummer merken wollen, bis wir sie gewählt haben. Das Arbeitsgedächtnis ist also immer im Dienst und wird ständig gebraucht. Schlechtere Leistungen des Arbeitsgedächtnisses haben deshalb unmittelbare Folgen, vor allem in Situationen, „in denen es drauf ankommt“ – zum Beispiel bei Prüfungen, Bewerbungsgesprächen oder Flirts.

Das Gehirn kann manche Einschränkungen durch neue Verschaltungen oder Verlagerungen auf andere Netzwerke ausgleichen. Es ist jedoch noch nicht ausreichend erforscht, ob und inwiefern sich in frühen Lebensjahren entstandende Hirnschäden wieder zurück bilden können. Das sagte uns Professor Manfred Laucht im Interview.

Klugen Kopf bewahren und im Limit bleiben

Fazit: Die Jugendzeit ist für das Gehirn also eine „sensible Phase“, in der grundlegende Hirnstrukturen angelegt und damit wichtige Voraussetzungen für die spätere Leistungsfähigkeit geschaffen werden. Alkohol kann diese Prozesse gefährden. Deshalb bleiben kluge Köpfe im Limit. Umgekehrt gilt auch: Wer im Limit bleibt, behält seinen klugen Kopf!

Liegt dein Alkoholkonsum im grünen Bereich? Mach den Test.

Weitere Infos zu Alkohol und Gesundheit gibt es auf unserer Body Map

 

Quelle: Daniel F. Hermens, Jim Lagopoulos, Juliette Tobias-Webb, Tamara De Regt, Glenys Dore, Lisa Juckes, Noeline Latt, Ian B. Hickie. Pathways to alcohol-induced brain impairment in young people: A review. Cortex, 2013; 49 (1)